Besuch in Saratov/Russland

Wolgograd - Mutter Heimat ruft -
Erntedankfest der Wolgadeutschen in Saratov
Deutsche Kirche in Sarepta

Am 11. September 2010 flogen 12 Vereinsmitglieder von München über Moskau nach Wolgograd, um von dort nach 2 tägigem Aufenthalt in dieser so schicksalshaften russischen Stadt mit dem Zug die Reise nach Saratov anzutreten.

Wolgograd ist mit rund 1 Million Einwohner das wirtschaftliche Zentrum an der unteren Wolga. Auf Schritt und Tritt erlebt man die Geschichte des "Großen Vaterländischen Krieges". Nur wenig erinnert noch in dieser jetzt sehr modernen Stadt an die früheren Gebäude der Frontstadt "Stalingrad". Die Vielzahl der Gedenkstätten für die unglaublich vielen Gefallenen gipfelt in einer gigantischen Statue, der "Mutter Heimat ruft" auf dem Mamajew-Hügel. 85 Meter hoch. Mit dem 33 Meter hohen Schwert von 14 Tonnen steht sie mit einem Gesamtgewicht von 8000 Tonnen auf der höchsten Erhebung der Stadt, wo auch die erbittertsten Kämpfe stattgefunden haben. Tausende Soldaten haben dort eine letzte, würdige Ruhestätte gefunden. Seit einigen Jahren gibt es auch einen deutschen Soldatenfriedhof außerhalb der Stadt, der von der Kriegsgräberfürsorge unterhalten wird.

Am 13.9. kamen wir nach 7 1/2 stündiger Zugfahrt, während der es nur Schlafwagenabteile gab, am Bahnhof in Saratov an und wurden von unseren Friendshipforce Gastgebern herzlich in Empfang genommen. Am nächsten Tag kamen auch noch 3 FF-Freunde aus Manchester/England an, die sich unserem Austausch angeschlossen hatten.

Niemand von uns war jemals in einer russischen Provinzstadt an der Wolga bei einer russischen Familie zu Gast. Dementsprechend groß war unsere Neugierde, in das tägliche Leben einbezogen zu werden. Bis vor 20 Jahren war Saratov, immerhin eine fast Millionenstadt, ein für Ausländer gesperrter Ort und auch heute noch ist der Tourismus in keinster Weise vergleichbar mit den Städten St. Petersburg oder Moskau. Dennoch reflektiert das Erscheinungsbild der Stadt einen sichtbaren Fortschritt in der Entwicklung des geografisch größten Landes der Erde. Die Wolga ist der Nabel der Stadt, der Schiffsverkehr verbindet große Metropolregionen, bis hin nach Moskau und St. Petersburg.

Das Leben in Saratov vermittelte den Eindruck mediterraner Leichtigkeit, was durch zahlreiche Straßencafés, Skulpturen, Parks, Alleen, Galerien, Theater, Kirchen und einem nicht zu übersehenden Auftritt vor allem junger, geschmackvoll gekleideter Damen. Deren Neugierde uns Fremden gegenüber und die Bereitschaft mit uns zu reden, war für uns Russlandneulinge ein echtes AHA-Erlebnis.

Saratov war im 18. Jahrhundert das Zentrum der deutschen Einwanderung. Zarin Katharina II (die Große) verstand es, die sogenannten Wolgadeutschen als Bauern und Handwerker ins Land zu holen und die Region wirtschaftlich zu entwickeln. In zum Teil rein deutschen Wohngebieten (z.B. die Herrnhuter Siedlung in Sarepta) zählten die "Kolonialisten" um die Zeit vor dem 1. Weltkrieg mit etwa 2 Millionen Russen deutscher Abstammung zu den bestimmenden Volksgruppen. Dem war mit dem Einmarsch der deutschen Wehrmacht im Jahre 1941 ein jähes Ende beschieden. Allen Wolgadeutschen wurden die Bürgerrechte aberkannt und diese ausnahmslos nach Sibirien und Zentralasien deportiert. Erst 1964 wurden sie offiziell rehabilitiert.

Über die 3 km lange Brücke von Saratov erreicht man Engels, wo wir das neugegründete Zentrum der Deutschrussen besuchten. Wir wurden mit großer Herzlichkeit empfangen und von musikalischen Darbietungen und Gesprächen so sehr in den Bann gezogen, dass unserer Laiengesangsgruppe gar nichts anderes übrig blieb, als deutsche Volkslieder zum Besten zu geben.

Wenige Tage später wurden wir zur zentralen Feier des Erntedankfestes eingeladen, wo wir wiederum das große Engagement und die Lebensfreude hautnah erleben durften. Wir haben aber auch diskutiert, dass es viele deutschstämmige Russen vorziehen, in die BRD überzusiedeln. Dieser Prozess scheint sich aber zu verlangsamen.

Eine Gruppe wie wir kommt nicht jeden Tag nach Saratov und Engels. Deshalb wurden wir immer wieder zu Interviews aufgefordert und hegen die Hoffnung, dass uns entsprechende Zeitungsberichte, wenngleich in Russisch, erreichen werden.

Ganz besondere Erlebnisse waren die Besuche in verschiedenen Schulen. Nicht nur allein die Begrüßung durch die Schulleitungen, sondern in besonderem Maße die Teilnahme an Deutsch- und Englischstunden verschiedener Jahrgänge waren eine Geste der Freundschaft. Wir nahmen an Schulfesten und showreifen Vorführungen der Schüler teil. In Russland ist die staatliche Gesamtschule vorherrschend, wobei uns aufgefallen ist, dass große Firmen erhebliche Zuschüsse locker machen und in der Schule entsprechend werben. Den besten Schülern ist eine Förderung und Anstellung im Unternehmen so gut wie sicher.

Am offiziellen Abend unseres Austauschs wurden die völkerverbindenden Elemente von Friendshipforce herausgestellt. Wir haben ein Bayernbuch in russischer Sprache überreicht, das von unserem bayerischen Innenminister Herrmann signiert war. Die Herzlichkeit der "neuen" Freunde war Anlass genug, eine Gegeneinladung nach Franken auszusprechen.

Unsere Gastgeber, die meist noch berufstätig waren, haben uns ein Programm geboten, das weit über die "übliche" FF Betreuung hinausging. Die 6 Tage waren natürlich nicht ausreichend, um einen fundierten Einblick in das tägliche Leben eines Durchschnittsbürgers zu erhalten. Unsere Gastgeber waren durchaus zu Wohlstand gekommen und diesen haben sie mit uns geteilt.

Am 19.9. brachte uns der Zug wieder zurück nach Wolgograd, von wo wir am nächsten Morgen nach München zurückflogen. Unsere Mission war erfüllt. Wir haben neue Freunde gewonnen und die Welt mit anderen Augen gesehen.

Günter Nerz

 

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